Persönlicher Erfahrungsbericht

In meinem persönlichen Erfahrungsbericht beschreibe ich, wie ich die Krankheit erlebt habe. An dieser Stelle möchte ich von meinen Gedanken, Gefühlen und Problemen, die während der Leukämie aufgetreten sind, schreiben. Dieser persönliche Teil wird natürlich von jedem Patienten auf andere Weise erlebt.

 

Krankheitsbeginn

Nach meinem Skiunfall während des Skilagers in der ersten Sekundarschule lag ich einige Zeit mit einer starken Hirnerschütterung zu Hause im Bett. Ich wurde von meinen Freundinnen oft besucht, doch war ich leider immer müde. Während dieser Zeit glaubte meine Mutter eine persönliche Veränderung an mir zu bemerken. Sie war beunruhigt, als ihr meine vielen blauen Flecken, meine extrem weiss scheinende Haut, das häufig auftretende Nasenbluten und die Nackenschmerzen auffielen. Da mein kleiner Bruder im Alter von drei Jahren an einer Leukämie erkrankte und im Alter von sieben Jahren daran gestorben ist, hatte sie schon viel Erfahrung mit den Symptomen dieser Krankheit. Meine Mutter verreinbarte einen Termin beim Hausarzt, worauf ich kurze Zeit später von ihm untersucht wurde. Er stellte meine Mutter als eine hysterische Person dar und wollte ihren Bemerkungen keinen Glauben schenken. Nachdem er dann aber mein Blut untersucht hatte, stellte er fest, dass ich zu wenig Hämoglobin hatte und dass auch die restlichen Blutwerte nicht in Ordnung waren. Auf das Drängen meiner Mutter hin, sofort einen genauen Bescheid zu erhalten, meldete er uns im Ostschweizerischen Kinderspital an, worauf ich am selben Abend etwa um acht Uhr im Spital untersucht wurde. Unser Hausarzt hatte meine Mutter schon als hysterisch angemeldet, worauf uns auch die Ärzte im Spital beruhigen wollten, dass diese Symptome nicht unbedingt einer Leukämie entsprechen müssen.

Einer dieser Ärzte wechselte kurze Zeit später in ein anderes Spital. Als er sich von uns verabscjiedete, entschuldigte er sich bei meiner Mutter dafür, dass er ihr bei meiner Einlieferung nicht geglaubt hatte. Er fügte noch hinzu, dass er in dieser Zeit gelernt hatte, auf die innere Stimme der Eltern zu hören.

Nach dem genauen Blutuntersuch stellte sich aber um halb zehn heraus, dass ich wirklich an einer ALL erkrankt war. Ich weiss noch genau, dass es mich an diesem Abend noch nicht interessiert hatte, an welcher Krankheit ich leiden würde, denn ich war so müde, dass ich nur noch schlafen wollte, egal ob zu Hause oder im Spital. Als ich aber hörte, dass auch ich Leukämie habe, dachte ich im ersten Moment daran, wie mein Bruder vergebens gekämpft hatte und an dieser Krankheit gestorben war. Die Ärzte erklärten uns, dass ich eine viel günstigere Ausgangslage als mein Bruder Yves hätte, da es meine Mutter so früh bemerkt hatte. Auch für meinen grösseren Bruder Eric war es nicht einfach. Er hat sich bestimmt gefragt, ob er wohl auch einmal an einer Leukämie erkranken würde.

Jetzt ging alles sehr schnell. Ich wurde auf mein Zimmer auf die Abteilung B-West gebracht, wo mir sofort eine Infusion (Tropf) gesteckt wurde. Schon am übernächsten Tag startete meine Therapie. Am 5. Mai war ich also meinen ersten Tag im Kinderspital. Meine Eltern und ich wurden von dem leitenden Arzt, den Schwestern und meinem Arzt Dr. Feldges über meine Krankheit, die Therapie und das Procedere informiert. Meine Eltern mussten ihre Zustimmung mit einer Unterschrift geben, damit ich mit diesen Mitteln und Therapien behandelt werden konnte. Wenn Eltern nicht unterschreiben, dürfen und können die Ärzte das betroffene Kind nicht behandeln.

Üblicherweise erhalten die Patienten und die Familie psychologische Unterstützung, sofern dies gewünscht wird. Ich wollte jedoch auf keinen Fall mit einer solchen Person sprechen, da es für mich sowieso klar war, dass ich wieder gesund werden würde.

Als ich meinem Vater das Thema meiner Patentarbeit erzählte, sagte er mir, dass er noch genau wisse, was ich in den ersten Tagen meiner Krankheit gesagt hätte. Ich hätte damals zu meiner Familie und den Schwestern gesagt, dass sie doch endlich aufhören sollen, über Leukämie zu sprechen. Schliesslich wisse ich jetzt, was Leukämie sei und ich würde diese Therapie schon durchstehen. Mein Vater hatte mich für diese Aussage, die so überzeugend daher kam, so bewundert und es bis heute nicht vergessen.

Heute, wenn ich viel Stress habe, denke ich an diese Zeit zurück und denke, dass ich damals psychisch viel stärker war als heute. Ich hatte diese Sorgen eines normalen Teenagers nicht, welche mich heute zum Teil einzuholen scheinen. Ich hatte nur die Sorge, den Krebs zu besiegen.

Ich hatte einen extrem starken Lebenswillen. Ich wollte einfach wieder gesund werden. Vielleicht habe ich heute deshalb den Wunsch, alle meine Ziele, auch die beruflichen zu erreichen und das tun zu können, was ich wirklich tief in meinem Herzen tun möchte.