Therapie

Eine Woche nach meinem Therapiebeginn, wurde mir ein port-à-cath System oder ein Chemo-site implantiert. Dieses Kästchen wird oberhalb der Brust direkt unter die Haut eingesetzt, wobei ein kleines Schläuchlein in die Vena cava (ein Hauptgefäss das direkt zum Herz) führt. Nachdem man mir diesen Chemo-site erfolgreich implantierte, wurden mir die Zytostatikas nur noch via Infusion überreicht. Die Infusion wurde mit einer Nadel in den Chemo site gesteckt, damit die Chemomittel direkt in die Hauptschlagader gelangen und sofort im ganzen Körper verteilt werden. Es ist zu gefährlich, die Chemo immer über die Infusion, welche in die Adern auf dem Handrücken gesteckt sind, zu verabreichen. Diese Mittel sind so stark, dass sie, wenn sie auslaufen, die Haut verätzen!

Nach der Operation des Chemo-site, wurde eine Röntgenaufnahme gemacht, um festzustellen, ob er am richtigen Platz angemacht wurde und ob das Schläuchlein in das Herz führt. Für meine Mutter war das Röntgen auch sehr anstrengend. Denn ich musste nämlich ganz flach liegen und durfte mich nicht drehen, damit sich weder der Chemo-site noch das Schläuchlein verschieben und Wunde besser heilen konnte. Deshalb musste mich meine Mutter von meinem Bett auf die Röntgenliege hinüber und wieder zurück transportieren.

Ein weiteres Übel waren die Mundspülungen. Jeden Tag musste ich sechsmal den Mund mit einem minzeartigen Mittel spülen, darauf ein Crème einige Minuten im Mund einwirken lassen und schlucken. Das war erstens ziemlich eklig und ausserdem bekam ich an den Zähnen wie braunen Zahnstein. Meine Freunde und ich hatten uns an den Lavabospiegeln Listen gemacht, wie viele Mal wir diese Procedur noch machen mussten.

Natürlich kann ich mich noch sehr gut an die vielen Knochenmark- und Lumbalpunktionen erinnern. Einige Male verabreichten die Schwestern mir eine Art Schlafmittel, namens Dormikum, worauf der Patient während diesen Punktionen schläft und keine Schmerzen spürt. Einmal sah ich, wie dieses Dormikum bei Marianne wirkte; sie schlief auf der Stelle ein. Es schien fast, als wäre sie gestorben.

Einmal bin ich während eines solchen Eingriffs aufgewacht, weil das Dormikum nicht ganz gewirkt hatte. Ich wusste nicht, wo ich war und sah um mich herum nur Ärzte und Schwestern. Dieses nicht-wissen-wo-ich-war und nicht richtig mitzubekommen, was hier eigentlich vor sich ging, wollte ich danach nie wieder erleben, so dass ich alle restlichen Knochenmark- und Lumbalpunktionen nur noch mit einer örtlichen Betäubung über mich ergehen liess. Sicher schmerzte diese Methode ziemlich stark, aber irgendwie konnte ich mich sehr gut entspannen, so dass es sich aushalten liess. Bei der Lumbalpunktion muss man sich einerseits entspannen und andererseits konzentrieren, damit z.B. ein Bein nicht zu zucken beginnt, wenn dieser Nerv beim Einstich zwischen den Wirbeln, wo alle Nervenstränge verlaufen, getroffen wird. Ich konnte auf diese Leistung stolz sein. Nur wenige Patienten (Kinder) lassen sich nur örtlich betäuben. Ein weiterer Vorteil war, dass ich nachher nicht noch den halben Tag schlief oder noch weggetreten war.

Während der Therapie war ich überhaupt nicht wehleidig. Wenn mich ein Arzt fragte, wie es mir gehe, antwortete ich immer, es gehe mir gut, auch wenn ich kurze Zeit zuvor erbrechen musste. So war es auch nach der Mandeloperation, welche aufgrund häufiger Halsentzündungen durchgeführt werden musste, da deswegen die Erhalrungstherapie immer gestoppt werden musste. Eigentlich hätte ich mehr als eine Woche im Spital bleiben sollen, aber nach dem dritten Tag durfte ich auf mein Bitten und Drängen hin schon früher nach Hause gehen. Diese Mandeloperation wurde aber auch erst nach der stationären Zeit durchgeführt.

Etwas Wichtiges hätte ich beinahe vergessen. Wenn die Leukozytenanzahl durch die Chemotherapie stark reduziert und sogar zu tief sind, bzw. wenn weniger Leukozyten vorhanden sind, als der Mensch braucht, um Krankheiten abzuwehren, dann kommt der Patient in die Isolation. Bis die Leukozytenwerte wieder normal sind, muss der Patient in einem möglichst sterilen Raum sein, welcher täglich gereinigt wird. Die Besucher müssen Mundschütze tragen, damit der Patient auch wirklich nicht angesteckt werden kann. Der Kranke kann selbst die kleinsten Erreger nicht mehr vernichten und wird leicht krank, was zu einem Therapiestop führt. Diese Isolation ist überhaupt nicht lustig, denn es können weniger Besucher kommen und auch das Essen muss bakterienfrei sein, also gekocht oder in der Mikrowelle erwärmt, damit keine Keime irgendeine Entzündung auslösen könnten.