Nebenwirkungen

Als Nebenwirkung der verschiedenen Medikamente wurde mir von Anfang an gesagt, dass mir während der Therapie früher oder später die Haare ausfallen würden. So hatte ich eigentlich keine Probleme damit, denn gesund zu werden war mir wichtiger. Ungefähr im November fielen meine Haare in grossen Büscheln aus, nachdem sie schon von Therapiebeginn an kontinuierlich immer ein bisschen weniger wurden. Ich erinnere mich noch genau, als ich damals nach dem Einmassieren des Shampoos plötzlich grosse Haarbüschel in meinen Händen hielt. Dieses Gefühl war schon "strange". Nachdem ich bei dieser Haarwäsche etwa einen Drittel meiner Haare verloren hatte, bat ich meine Mutter, mir meine restlichen Haare ganz kurz zu schneiden, damit man die Löcher nicht mehr so gut sehen konnte. Meine Mutter trauerte meinen schönen langen Haaren nach und schnitt sich sogar beim Haarschneiden in den Finger. Ich war froh, nicht mehr so wenig Haare zu haben und wie Otto Walkes auszusehen.

Ausser der vielen Nebenwirkungen spürte ich von meiner Therapie nicht allzu viel. Es interessiert mich auch noch nicht, welche Wirkungen die verschiedenen Zytostatika erzielten. Aber die Begleiterscheinungen der Medikamente waren so heftig, dass ich mir noch viele präsent sind. Von dem einen Mittel, dem Prednison bekam ich grossen Hunger und habe nur noch gegessen. Wirklich, das Frühstück nahm ich zweimal zu mir, sowie auch die restlichen Mahlzeiten. Auch zwischendurch war ich nur noch am Essen.

Trotzdem hat mein Körpergewicht von etwa 47kg auf 43kg abgenommen! Ich hatte ganz dünne Beine, dafür aber einen dicken, festen Bauch und ein aufgedunsenes Gesicht, was ebenfalls durch das Mittel bewirkt wurde. In meinem dritten Therapieblock musste ich ein Medikament einnehmen, das Dexamethason, welches normalerweise die selben Nebenwirkungen wie das Prednison aufweisen sollte. Dieses Mals hatte ich aber überhaupt keinen Hunger, sondern brachte im Gegenteil keinen Bissen herunter. Ich hatte nicht einmal Lust, Getränke zu mir zu nehmen. Eine weitere Nebenwirkung des Dexamethasons war eine vorübergehenden Zuckerkrankheit. Ich durfte keine Süssigkeiten oder ähnliches zu mir nehmen. Dummerweise hatte ich dieses Leiden etwa 10 Tage lang, genau während der Olma. Alle Besucher kamen mit Zuckerwatte und Mohrenköpfen hinein, und ich hatte solche Lust, diese zu essen. Seit damals hoffe ich immer, nie an einer Diabetes mellitus zu erkranken.

Dafür habe ich aber während dieser Therapie auf 58kg zugenommen. Deshalb und aufgrund des "Schwemmens" (Körper mit 4-6 Liter/Tag Wasser durchspühlen, je nach Körpergewicht), bekam ich dann diese Dehnungsstreifen, die leider nie wieder verschwinden. Einmal im Sommer, als ich einige Tage Pause zwischen dem ersten Therapieblock und dem Methotrexat hatte, wollte ich wegen der grossen Hitze die langen Jeans abziehen. Doch konnte ich die Hosen kaum über meine Unterschenkel ziehen, da meine Beine vom Schwemmen so aufgeschwollen waren. Jetzt wusste ich, wie sich meine Grossmutter fühlen musste, wenn sie Wasser in den Beinen hat.

Eine Nebenwirkung ist mir noch so präsent, als wäre es gestern gewesen. Ich bekam einige Male Sandoglobuline, das sind Abwehrkräfte gegen Windpocken, die aus Blut von Menschen gewonnen werden. Während einer Windpockenerkrankung werden von den verantwortlichen Blutzellen diese Abwehrzellen gebildet, die eine Neuerkrankung verhindern. Das Prinzip der Impfung beruht auf diesen gebildeten Abwehrzellen. Manchmal kann es passieren, dass sich der Körper gegen diese fremden Globuline wehrt. Einmal zitterte ich während einer solchen Infusion wie wahnsinnig am ganzen Körper. Sogar meine Zähne klapperten schnell und fest gegeneinander. Ich musste mich konzentrieren, damit entweder nur der Körper oder nur die Zähne klapperten. Nach einigen Minuten schmerzten meine Zähne schon ziemlich stark. Irgendwann hat es das Zittern zum Glück wieder aufgehört. Wahrscheinlich, nachdem wir den Tropf noch langsamer eingestellt haben, denn wenn diese Globuline zu schnell in die Blutbahnen geraten, reagiert der Körper heftiger dagegen.

Ein weiteres Übel, das nicht von den Medikamenten, das aber aufgrund der Therapie auftrat, war als ich mich über zwei Monate lang nur auf einem Stockwerk bewegen konnte. Nach dem ersten Therapieblock konnte ich nicht mehr die Treppe hinaufsteigen, ohne dass ich mich am Geländer hochziehen musste, da sich meine Beinmuskulatur weit zurückgebildet hatte.