Meine Freunde

Während meines Spitalaufenthalts lernte ich viele Kinder kennen, die alle jünger waren als ich. Michel war einer der wenigen, der älter war als ich. Er war schon als kleines Kind an Leukämie erkrankt und hatte schon einige Rückfälle hinter sich. Nach einigen Monaten ging er in der letzten Hoffnung nach Amerika, um sich dort Therapieren zu lassen. Doch leider hatte ihn auch diese Therapie nicht geheilt, worauf er dann im Alter von 16 Jahren gestorben ist.

Nadja war eigentlich meine beste Freundin auf dem B-West, der Krebsstation im Kinderspital. Sie war elf Jahre alt. Wir hatten ziemlich viel Spass miteinander, wenn wir nicht gerade Chemotherapie verabreicht erhielten. Aber leider starb auch sie an einem Tumor.

Peter, ein zwölfjähriger Schwarzer, war ein ziemlich zynischer und lustiger Junge. Leider erlag auch Peter seinem Tumor. Vor allem Mit Nadja und Peter hatte ich viel Kontakt. Wenn wir uns gut fühlten, spielten wir oft miteinander. Von Karin Fröhlich, einer diplomierten Krankenschwester bekamen wir drei unsere erste Pizza spendiert. Danach haben wir noch einige Male zu dritt oder zu viert Pizzas bestellt. Derjenige mit den besten Leukozytenwerten musste die Pizzas vom Kurier bei der Tür abholen.

Dann war noch Marianne auf der Station, während ich krank war. Sie hatte einen Rückfall erlitten, denn sie war schon auf dem B-West, als mein Bruder Yves Leukämie hatte. Sie war das Patenkind einer bekannten Sängerin. Auch sie konnte den Krebs nicht besiegen.

Irgendwann im Sommer kam dann noch Pascal, ein etwa siebzehn Jahre alter Junge, der im B-Kader der Skinationalmannschaft gefahren war. Trotz seiner gesunden Ernährung und dem vielen Sport erkrankte er an einem Rückentumor, der ins Gehirn wanderte, worauf auch er leider von uns gegangen ist.

Auch Fabio, ein vierjähriger Junge, ist an einer ALL verstorben, während ich mich auf dem B-West befand.

Als einen ebenfalls sehr tragischen Tod empfand ich das Entschlummern von Jacqueline, einem sieben Monate alten Mädchen, welches bereits mit drei Monaten mit Krebs therapiert wurde. Sie war noch ein Baby! Sie hatte fast ihr Leben lang nur Schmerzen gehabt. Sie verstand nicht einmal, was vor sich ging. Und das Schlimmste war mitanzusehen, wie ihr vier Jahre alter Bruder sie geliebt hat.

Es war eine sehr schwere Zeit für mich, als beinahe alle meine Freunde nacheinander gestorben sind. Ich musste dabei immer an meinen Bruder denken. Seinen Tod habe ich bis heute nicht verkraftet. Ich kann einfach nicht begreifen, weshalb alle diese Kinder, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten, sterben mussten. Diese Kinder haben einen Teil ihres Lebens dafür gekämpft, um wieder gesund zu werden, aber umsonst.

Sicher hatten sie während ihrer Krankheit nicht nur Leid empfunden, sondern auch Freude, aber neben dem vielen Erbrechen und den restlichen Nebenwirkungen hatten sie nicht allzu viel Zeit, um die schönen Seiten des Lebens zu geniessen. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, was aus ihnen geworden wäre. Aber diese Gedanken machen sie auch nicht wieder lebendig.

Wenn ich gerade von meinen Freunden auf der Krankenstation spreche, möchte ich hier noch anfügen, wie wichtig meine Freunde während der Krankheit für mich waren. Mein Klassenlehrer ermöglichte es meinen Schulkollegen, mich mit dem Zug in St. Gallen zu besuchen, indem er die Billette bezahlte. Ich bekam wirklich viel Besuch, was mich immer aufgestellte.

Einmal war ich schlecht gelaunt und es ging mir auch gesundheitlich nicht besonders gut. Meine Laune stieg aber wieder an, nachdem fünf Jungen aus meiner Klasse bei mir auf Besuch waren und mit mir geredet und gelacht haben. Ich hatte nie von ihnen erfahren, was für ein Gefühl es gewesen ist, mich im Spital zu besuchen, aber ich merkte, dass die Knaben viel weniger Mühe damit hatten, als die Mädchen.

Meinen jetzigen Freund lernte ich erst nach meiner Krankheit, bzw. nach der stationären Therapie kennen, als ich mit der 3. Sekundarschule begonnen hatte. Etwa zwei Monate nach unserem Zusammenkommen musste ich wegen einer atypischen Lungenentzündung in das Spital eingeliefert werden. Ich lag wieder auf dem B-West. Mein Freund André besuchte mich sehr oft. Als die Lungenentzündung schlimmer wurde, musste ich an ein Sauerstoffgerät angeschlossen werden, wobei die Schläuche in die Nase führten. Zu diesem Zeitpunkt war ich sowieso nicht mehr so anwesend, wenigstens geistig nicht. An einem Finger wurde mir ein Klipp angelegt, welcher unter anderem zeigt, wieviel Sauerstoff der Körper hat. Als André mich so sah, erlitt er beinahe einen Schock; dieses Bild kennt man sonst nur aus dem Fernsehen und jetzt sah so mich so dort liegen. Ich glaube, durch diesen Zwischenfall ist unsere Beziehung noch stärker geworden. Nachdem sich mein Zustand weiterhin verschlechtert hatte, wurde ich aus Sicherheitsgründen auf die Intensivstation gebracht. Dort untersuchten sie mein Blut unter anderem auf eine HIV-Infektion, mit welcher ich von den Bluttransfusionen hätte infiziert worden sein können. Dem war zum Glück nicht so. Diese Zeit auf der Intensivstation ist noch ein schrecklicher Teil während meiner Krankheit, welchen ich nie vergessen werde. Zweimal wurde mir Blut aus der Arterie am Unterarm entnommen. Die Blutentnahme am Arm schmerzte ja fast nicht, aber aus der Arterie tat es höllisch weh. Ich spürte die Wand, welche die Blutbahn umhüllt. Die Nadel musste zuerst durch diese dicke Wand und gelang erst dann zum Blut. Aber ich werde nie vergessen, wie schmerzhaft diese Procedur gewesen ist. Ein anderes Mal stellte die Schwester für kurze Zeit, um etwas zu wechseln, den Sauerstoffzufuhrapparat aus, so dass ich beinahe erstickt bin. André rief lauthals der Schwester, sie solle das Gerät wieder einstellen. Das schlimmste Ereignis auf der Intensivstation war, als ich eine wahnsinnig hohe Dosis von mehreren Medikamenten verabreicht bekam. An einem Nachmittag starrte ich an die weisse Zimmerdecke. Ich glaubte, dort Engelskinder zu sehen, welche mir zulächelten. Doch diese Gesichter verwandelten sich plötzlich in komische, dunkel scheinende Monster, die Fratzen schnitten. Das war der erste und einzige Moment während meiner Krankheit, in welchem ich glaubte, zu sterben. Es schien mir, als wollten mich diese Figuren holen kommen.

Wenn man dies so liest, klingt es wahrscheinlich unvorstellbar und wie aus einem Roman von E.T.A. Hoffmann. Aber unter diesen hoch dosierten Medikamenten könnte eine Art Drogenrausch vorkommen. Jedenfalls werde ich diese Situation nie vergessen.

Das Schöne war jedoch, dass meine ganze Familie, André und sein bester Freund mich einige Abende besuchten und dass ich von meiner Klasse Plakate mit Genesungswünschen geschenkt bekam.